Das große Heulen
Traumwetter auf Sylt. Wieder mal einer dieser 300 Sonnentage im Jahr. Die Sonne lacht, als will sie uns sagen, habt ihrs doch gut. Ihr habt ja mich. Wo scheint sie noch, die Sonne, will ich wissen und lese, wie immer, etwas quer. In Deutschland scheint sie auch, lese ich, endlich. Ich freue mich. Auch für Deutschland, wurde ja auch Zeit. Aber dann, was sehe ich, was lese ich, dunkle Wolken ziehn heran. Mal wieder. Was wärs doch schön gwesen. Die Politik, wie immer, der Beelzebub, schiessts mir wieder mal durch den Kopf. Kein Wunder, es war vorauszusehen. Eigentlich schon viel früher, wunderts mich. Aber sie kommen ja von so weit her. Diese Wolken.
Jetzt kommts bald wieder, das große Heulen, das Katzengejammer, wartets nur ab. Keiner wills gewesen sein, dann, mal wieder. Die dunklen Wolken, wo kommen sie her, der Kongo lässt grüßen, diesmal. Der Kongo? Wen interessierts, ist so weit weg.
Aber Afrika, da war doch was. Ja klar, da sind auch Deutsche. Deutsche Soldaten, oder nicht? Die neusten Meldungen, Deutsche von den Kämpfen betroffen, Spanische Botschaft beschädigt, überall schlagen Bomben ein. Wieso mussten da unbedingt deutsche Soldaten hin, denke ich mir, wieso bloss. Und für wen vor allem.
Ihr denkt jetzt, bestimmt für mich. Für mich? Nein. Für mich ganz sicher nicht. Aber dann sicher für euch? Für euch da drüben, drüben in Deutschland, für euch doch dann bestimmt. Für euch auch nicht. Hm. Wer hats denn dann entschieden, man vergisst ja so schnell.
Schlag schnell mal nach, da stehts. Das Bundeskabinett wars, letztes Jahr im Mai. Jetzt dämmerts mir wieder. Da war doch noch was. Ja klar, Fussball stand da vor der Tür. Jetzt versteh ichs. Wen hat da der Kongo interessiert. Das wussten die doch ganz genau, ganz schön clever, die da oben. Gerade will ich sie bewundern, die da oben, ob solch Raffinesse, doch was seh ich.
Vor meinen Augen seh ich, mein Kind im Kongo. Als deutscher Soldat. Trifft auf die Kinder dort. Die wirklichen Kinder. Mir graut es. Wieso geht ihr nicht dahin, sage ich mir. Ihr, die ihr diese Entscheidungen trefft. Oder schickt doch eure Kinder dahin. Nicht unsere. So wärs gerecht. So wirds nie sein.
Heute fällt er mir schwer, der Gruss von der Insel, mein Herz ist schwer, aber ich grüsse doch. Ich Grüsse aus einem Land, aus dem man hinüber schauen kann, hinüber zu diesem großen, schwarzen Kontinent. Aber zum Glück seh ich ihn nicht. Dann interessierts mich ja auch nicht. Oder doch?
Nachdenkliche Grüße von der Insel Sylt,
Ihr Marlon
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